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Dr. Roland Mönig

Oster + Koezle oder Der Eigensinn des Bildes



Oster + Koezle: ein Maler und ein Photograph. Der eine bedient sich einer avancierten Technik, die in Sekundenbruchteilen präzise Abbilder der sichtbaren Welt hervorbringt; der andere setzt im behutsamen Umgang mit Farbe ganz auf Langsamkeit und schafft Arbeiten, die kraft ihrer materiellen Präsenz selbst Realität setzen. Seit rund zehn Jahren kooperieren sie nun, und das Ergebnis sind Werke, die gleichermaßen photographisch wie malerisch gedacht, aber weder Malerei noch Photographie sind.

Eine aufgelassene Fabrikhalle, so trostlos wie grandios in ihrer Funktionslosigkeit und Leere. Die Wände, grau und weiß gestrichen, sind verschmutzt. Der Boden ist bedeckt mit rissigem grauem Estrich, die Decke besteht aus grauem Beton. Ein gekapptes Kabel baumelt von einem Pilaster herab wie eine abgeschnittene Lebensader. Darunter ein Sgraffito in Rot: zickzackförmig von oben nach unten verlaufend, wirkt es beinahe wie ein Nachbild des elektrischen Pulses, den das Kabel einmal transportierte. Und man könnte meinen, es wolle ihn weiterreichen an ein zweites durchschnittenes Kabel, das am Boden liegt.

Von links oben, so scheint es, stößt eine große rechtwinklige Form schräg ins Bild, undurchdringlich schwarz und scharfkantig. Indem sie die Quelle des Lichtes (ein großes Fenster?) verdeckt, lädt sie die leere Halle mit der Suggestion eines Geheimnisses auf. Und indem sie einerseits die nach rechts hinten fluchtende Stoßkante von Wand und Decke und andererseits die nach links oben fluchtende Stoßkante von Boden und Wand parallelisiert, erzeugt sie eine unauflösbare Spannung zwischen Fläche und Raum. Durch einen simplen Eingriff ist aus dem Abbild der Wirklichkeit ein autonomes Bild geworden, das rein flächenlogisch gelesen werden will. Nicht länger ist von den architektonischen Elementen Boden, Wand, Decke und Pilaster, von Kabeln und Sgraffito zu sprechen, sondern von einer vielstimmigen abstrakten Ordnung aus Vertikalen und Schrägen, aus Linien und Farben, aus ruhigen Flächen und bewegten Gesten, aus Weiß, Grau und Schwarz, die miteinander kommunizieren und interagieren.

Am Beginn der Kooperation von Oster + Koezle stand der Wunsch, monochrome, in Auseinandersetzung mit einem bestimmten Ort entstandene Malerei auf möglichst perfekte Weise zu dokumentieren, einer temporären Arbeit in situ mit den Mitteln der Photographie Dauer zu verleihen. Die dazu notwendigen subtilen Manipulationen an den jeweiligen Aufnahmen - etwa die Korrektur von Fluchtlinien, die Löschung von Reflexen oder die Zurücknahme von Texturen - führten Oster + Koezle wie von selbst auf neues Terrain: weg vom Abbild und hin zum Bild. Nicht mehr die geradlinige Wiedergabe einer vorgefundenen Realität (wie auch immer sie durch malerische Interventionen bereits geprägt oder verändert sei) interessierte sie, sondern die Vorstellung einer auf diese Realität gleichsam aufsattelnden autonomen Form.

Die Arbeiten von Oster + Koezle sind subversiv. Sie zeichnen sich aus durch einen Eigen-Sinn, der die Künstler im Moment des Machens ebenso fesselt wie das Publikum im Moment der Betrachtung. Zweifelsohne sind es technische Erzeugnisse: hoch aufgelöste Photos, geprinted mit einer Präzision, die die ausführenden Labore an die Grenzen ihrer Möglichkeiten treibt (und nicht selten darüber hinaus). Ebenso unabweisbar aber sind es auch eigengesetzliche Kompositionen, die mit malerischer Raffinesse die Potentiale von Farbe und Fläche ausspielen. Sie reflektieren Wirklichkeit und schaffen zugleich Wirklichkeit neu. Wenn, nach Roland Barthes, das Wesen der Photographie darin besteht, dass sie bestätigt, was sie wiedergibt, so besteht das Wesen der Kunst von Oster + Koezle darin, die Realität in Frage zu stellen, wie die Photographie sie zeigt. So gelingt es ihr, den Abbildern schäbiger Lager- und Fabrikhallen oder menschenleerer Schwimmbäder und U-Bahn-Stationen die stille Poesie eines ganz für sich stehenden Bildes einzuhauchen. Wegnehmen, Verdecken, Überblenden: bei Oster + Koezle bedeutet das Hinzufügen, Aufdecken, Klären.

Ein und dasselbe photographische Abbild, verwandelt in zwei unterschiedliche Bilder von jeweils höchstem Eigensinn. Wieder handelt es sich um eine Aufnahme aus einem Fabrikgebäude oder einer Lagerhalle: Sie zeigt einen hohen und weiten Durchgang zwischen zwei Hallen. Das eine Mal wird der Durchgang gekreuzt von einem schwarzen Winkel, der an den unteren Rand des Bildes stößt und unten rechts einen Durchblick auf den als graue Fläche aufklappenden Boden eröffnet; und das andere Mal schiebt sich eine schwarze Wand wie ein gewaltiger Riegel hindurch und schickt als Verlängerung einen schmaleren Balken in die linke obere Ecke, damit einen neuen Durchgang andeutend, der rechtwinklig zum real vorhandenen steht - und selbstverständlich jenseits realistischer Raumbegriffe.

Die Arbeiten von Oster + Koezle sind im besten und komplexesten Sinne dialogisch verfasst. Sie verdanken sich der Zwiesprache zwischen zwei komplementären künstlerischen Temperamenten und zwei fundamental unterschiedlichen (und in der historischen Perspektive sogar zeitweise verfeindeten) künstlerischen Verfahren: der Photographie und der Malerei. Im Geviert des Bildes werden die Gegensätze wie in einer Arena ausgetragen, und niemals ist vordergründige Harmonie das Ziel. Poesie bedeutet bei Oster + Koezle nicht das Einebnen, sondern das Aushalten von Gegensätzen und Spannungen. Und manchmal reicht ein einziges Bild nicht aus, und der Disput zwischen Abbild und Bild, Malerei und Photographie, Oster und Koezle, ist nur aufzulösen in zwei gleichberechtigten Lösungen, die im selben Maße miteinander konkurrieren, wie sie einander ergänzen.

 
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