GALERIE SCHÜTTE Wolfgang G. Bühler   
 
 
 

Dr. Eva Caspers

METAPHERN DER ZEITLICHKEIT
Das Thema der Metamorphose ist in den ungegenständlichen Gemälden und Zeichnungen von Wolfgang G. Bühler stets präsent.
Eine eindrucksvolle Folge von Werkgruppen aus den achtziger und neunziger Jahren, die in den nach der Jahrtausendwende ent-
standenen Arbeiten "Erdenleben", "Erdengrünoxydrotpurpur" und "Graulichtsonnendunkel" ihre prägnante Fortsetzung findet,
dokumentiert die Beharrlichkeit des Malers wie auch seine forschende Neugierde und Experimentierfreudigkeit bei der Aus-
formung des künstlerischen Anliegens.

Die Wandlungen farbiger Flächen und Linien im Widerstreit des Festen, Gebauten mit dem Fließend - Bewegten, des Harten mit
dem Weichen, des Intakten mit dem Brüchigen, des Geschlossenen mit dem Offenen machen in Bühlers Arbeiten die Welt der
sinnlichen Erscheinungen als eine Ordnung erfahrbar, die sich in ständiger Veränderung befindet. Die autonomen Formprozesse,
die das Eindeutig - Umrissene, FreiGesetzte mit dem Auflösenden und Verbindenden konfrontieren, lassen sich allerdings nicht
immer auf den ersten Blick erfassen. Denn sie spielen sich weniger an der Oberfläche als vielmehr in der Tiefenstruktur ab.

Die gediegene Machart von Bühlers Werken - ihre handwerkliche Solidität, subtile Farbigkeit und sensible Strukturierung - mag
den Betrachter dazu verleiten, die Bilder in erster Linie als schön beziehungsweise als dekorativ zu empfinden und sich mit diesem
Eindruck zufrieden zu geben.

Doch eine de­artige Rezeption haftet am Vordergründigen. Man muss sich auf die geduldige, konzentrierte Betrachtung der Werke
einlassen, um dem "Abenteuer" auf die Spur zu kommen, als das Bühler den Prozess und das Resultat seiner Malerei begreift.
Werden und Vergehen, Wachsen und Absterben, Aufbauen und Auslöschen: Der Betrachter, dem es gelingt, die tieferen Schichten
der Bilder wahrzunehmen und die sich überlagernden, in ihrer Wirkung teilweise aufhebenden, teilweise steigernden Formvorgänge
zu erahnen, der wird diese Arbeiten als Metaphern der Zeitlichkeit, der geschichteten Komplexität physischer und geistiger Welten
im Widerstreit von konstruktiven und destruktiven Kräften verstehen lernen.

Die Beschäftigung mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Farbe hat in Bühlers künstlerischer Arbeit nach wie vor einen hohen Stellen-
wert. Während der Künstler in früheren Werkgruppen allerdings häufig trockene Farbpigmente verwendete, um mit ihrem teilweise
krustigen Auftrag die Stofflichkeit der Farbmaterie zu betonen und eine haptische, durch den wechselnden Lichteinfall lebendig be­
wegte Bildoberfläche zu schaffen, baut er seine Bilder seit Ende der neunziger Jahre ausschließlich aus sorgfältig geschichteten
Acryllasuren auf. Dabei interessieren ihn vor allem die Reaktionen der Farben aufeinander, ihre Nuancen: "Das "Malerische" beginnt
nicht bei Blau und Rot. Das Abenteuer beginnt bei "bläulich" und "rötlich", es beginnt bei den "Nicht-Farben". Erst in der Reaktion von
Farbe auf Farbe entsteht ein Verhältnis, Kommunikation, Erzählerisches und Sinnliches."

Die Bilder der Werkgruppe "Erdenleben" zeigen eine gedämpfte Farbigkeit von roten, violetten, blauen und grünen Tönen, die ins Graue,
Braune und Schwarze changieren. Der Farbverlauf folgt in seiner an- und abschwellenden Intensität dem mal ruhigen, mal nervös
pulsierenden Rhythmus einer Struktur, die die Leinwand jeweils gleich mäßig - zu den Rändern hin leicht verschwimmend - überzieht.
Einfache, biomorphe Elemente schichten sich mit einer musterartigen Regelmäßigkeit in horizontalen Lagen, greifen wuchernd überein­
ander, verschränken sich in kreiselnder Dynamik, züngeln in die Höhe.

Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass die Verdrängung der Farbe in den lichten Binnenzonen und ihre Verdichtung in den dunkleren
Umrisslinien der Formen Resultat eines spezifischen Abdruckverfahrens ist. Die Strukturierung erscheint im wörtlichen Sinne als Hand-
arbeit, denn der Künstler benutzt seine Finger, den Handballen oder den Unterarm als Druckform.

Beim handfesten Eingriff in die Farbschicht geht es allerdings nicht um den subjektiven Gestaltungsakt, der die authentische Handschrift,
den unverwechselbaren Fingerabdruck, den gestischen Ausdruck zum Thema macht.

Das einfache, fast mechanische anmutende Druckverfahren dient vielmehr ausschließlich einer Aktivierung und Verräumlichung der Farben,
die sich als zartes Gewebe über die Fläche spannen oder als undurchdringliches Gespinst in die Tiefe des Bildraumes ausbreiten. Das Auge
findet in diesen Bildern kein kompositorisches Zentrum, keinen herausgehobenen Ruhepunkt. "Erdenleben": Unwillkürlich ruft das Bewusstsein
innere Bilder aus dem Vorrat des eigenen Gedächtnisses ab. Undeutliche und emphere, mal heitere, mal düstere Erinnerungen an Naturhaftes
und Phantastisches - eine im Sonnenlicht funkelnde Wasseroberfläche, bizarre Gewächse aus tiefem Meeresgrund, geheimnisvolle Chiffren
an einer Wand, surreale Traumgebilde - stellen sich ein.

Die Arbeiten der Werkgruppe "Graulichtsonnendunkel" faszinieren durch die Vielschichtigkeit der stabiler gebaut wirkenden Strukturen und ihre
subtile Mehrfarbigkeit. Zarte Farben dominieren: Blau-, Türkis-, Rosé- und Violett-Töne korrespondieren mit Ocker, Gelb und Grau. Aber es gibt
auch kräftige Farbakkorde in intensiven Rot-Tönen und schwere, dunkle Klänge, in denen Braun und Schwarz vorherrschen.

Geradlinig abgegrenzte Farbbahnen, die ein Netz von sich verzweigenden Adern bilden, wechseln mit splittrigen, kristallinen Figurationen und
organisch sich rundenden Schlieren und Blasen. Die Gestaltungen wecken beim Betrachter vielfältige Assoziationen, lassen ihn an geologische
Formationen und biologische Wachstumsstrukturen, an Sedimente, Versteinerungen, rundliche Keimformen, an absterbendes und neu entstehen-
des Leben denken.

So frappierend die Bildwirkung der reliefhaft wirkenden Strukturen ist, so rätselhaft erscheint ihr Herstellungsprozeß. Es handelt sich hier um eine
raffinierte Abdrucktechnik, die der Künstler in knappen Worten erläutert: "Acryllasuren werden ganzflächig aufgetragen und mit Polyethylenfolie
abgedeckt. Stellenweise entstehen Lufteinschlüsse oder die Folie wird vom Bildträger angesogen. Lufteinschlüsse sind keine unerwünschte Er-
scheinung. Sie können mit der Hand oder - bei größeren Formaten - mit dem Besen niedergedrückt oder verschoben beziehungsweise strukturiert
werden. Das Ergebnis bleibt jedoch durch das Abdecken im Bereich des Zufälligen und Unklaren."

Der Zustand, in dem sich die Farbe nach dem Abziehen der Folie auf der Leinwand präsentiert, wird für Bühler zum Ausgangspunkt eines geduldig
und sorgfältig kontrollierten Gestaltungsprozesses, der den Zufall weiterhin mitspielen lässt: "Nach dem ersten Arbeitsvorgang folgen weitere Farb-
schichten. Die Farbe wird bewusst der darunter liegenden entgegengestellt beziehungsweise durch leichte Aufhellungen oder Abdunklungen ver-
dichtet." Das Auftragen von Farblasuren und das Abdecken durch Folien erfolgt in einer Reihe von Arbeitsschritten bis zu einem Punkt , an dem die
Ausdrucksqualität von Struktur und Farbklang den Künstler überzeugt. Auch wenn bei diesem Verfahren nicht die Malerei selbst, sondern - wie
Bühler sagt - das "Malerische der Farben" im Vordergrund steht, ist die handwerkliche Meisterschaft im Umgang mit den künstlerischen Mitteln
für das Ergebnis entscheidend.

Um den richtigen Bildträger zu verwenden, den Auftrag der Farbe und ihre Trocknungsprozesse zu steuern, den Einsatz der mal festeren, mal
weicheren Folie zu beherrschen und die Farbwirkungen zu kalkulieren, muss sich der Maler auf sein Wissen, seine technischen Fertigkeiten
und seine Erfahrung verlassen können. Wolfgang G. Bühler beherrscht sein Handwerk mit einer Souveränität, die ihn offen macht für weitere
Wandlungsprozesse - in einer künstlerisch konsequenten Arbeit, die sich vom Formen- und Farbenreichtum der Natur immer neu inspirieren
lässt.

 

Dr. Eva Caspers
Kunsthistorikerin und Germanistin
Leitung des Ernst-Barlach-Hauses in Hamburg von 1988 bis 2000
Freie Autorin in Hamburg und Berlin

   
   

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